EKG Grundlagen: Reizleitungssystem, Sinusknoten und Ableitungen verstehen
- Alexander Lörbs

- vor 1 Tag
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EINLEITUNG
Wenn im Unterricht plötzlich Begriffe wie Sinusknoten, AV-Knoten, Einthoven oder Goldberger fallen, wirkt das zuerst schnell technisch. In Wirklichkeit geht es aber um eine einfache Kernfrage: Wie entsteht der Herzschlag elektrisch, und wie kann man ihn sichtbar machen? Genau dieses Verständnis brauchst du später im Rettungsdienst, wenn du Monitoring anlegst, ein EKG mitschreibst oder bei Thoraxschmerz und Rhythmusauffälligkeiten mitdenkst. Deine Lehrkraft beschreibt das EKG als nicht invasives Verfahren zur Beurteilung der elektrischen Aktivität des Herzmuskels und nennt als wichtige Informationen unter anderem Herzfrequenz, Herzrhythmus, Erregungsbildung und Reizleitung.
Für die Praxis ist außerdem wichtig: Das EKG zeigt elektrische Aktivität, aber nicht automatisch, ob das Herz auch wirksam Blut auswirft. Genau deshalb musst du EKG-Bild und klinischen Eindruck immer zusammendenken.
Dieses Kapitel ist deshalb Unterricht zum Nachlesen: klar, prüfungsrelevant und auf RettSan-Niveau.
EKG Grundlagen
Damit du das EKG verstehst, musst du zuerst das Reizleitungssystem des Herzens verstanden haben. Das Herz schlägt nicht zufällig, sondern erzeugt seine elektrischen Impulse selbst. Deine Lehrkraft beschreibt, dass nicht nur der Sinusknoten elektrische Erregungen bilden kann, sondern auch andere Anteile des Reizleitungssystems. Diese Bereiche nennt man Schrittmacherzentren. Der Sinusknoten ist mit 60 bis 100 Impulsen pro Minute das primäre Schrittmacherzentrum. Fällt er aus, übernimmt der AV-Knoten mit 40 bis 60 Impulsen pro Minute. Wenn auch diese Erregungsbildung ausfällt, bleibt als tertiäres Zentrum noch der Kammereigenrhythmus mit 20 bis 40 Impulsen pro Minute.
Für die Reihenfolge solltest du dir einen festen Ablauf merken: Der Impuls entsteht im Sinusknoten, breitet sich über die Vorhöfe aus, erreicht den AV-Knoten und läuft dann über das His-Bündel, die Tawara-Schenkel und die Purkinje-Fasern in die Kammern. Im Buch wird betont, dass die Erregung so in die Herzspitze geleitet wird, damit die Kammern geordnet kontrahieren und das Blut sinnvoll ausgeworfen werden kann.
Das ist für die Prüfung wichtig, aber auch für dein Verständnis von Rhythmusstörungen: Wenn irgendwo in diesem System etwas ausfällt oder sich verändert, verändert sich auch das EKG.
Jetzt kommt die Brücke zum eigentlichen EKG. Das Zusammenziehen des Herzmuskels wird von einer elektrischen Erregung ausgelöst. Diese Spannungsunterschiede können mit Elektroden von der Körperoberfläche abgeleitet werden. Das EKG-Gerät zeichnet sie auf und stellt sie als Kurve dar. Daraus lassen sich Informationen zu Herzfrequenz, Herzrhythmus, Erregungsbildung, Reizleitung, Erregungsausbreitung und Erregungsrückbildung gewinnen. Gleichzeitig sagt das Buch sehr klar: Das EKG veranschaulicht nur die elektrische Aktivität der Herzfasern und nichts über die tatsächliche Auswurfleistung des Herzens.
Genau das ist ein klassischer Prüfungsfehler: Ein „schönes“ EKG bedeutet nicht automatisch eine gute Kreislaufsituation. Wenn das Herz elektrisch aktiv ist, aber mechanisch nicht wirksam pumpt, hilft dir der Monitor allein nicht weiter. Deshalb gehören Puls, Haut, Bewusstsein, Blutdruck und Gesamteindruck immer mit zur Beurteilung. Deine Lehrkraft warnt an mehreren Stellen ausdrücklich davor, aus dem EKG allein auf die Herzleistung zu schließen.
Für das Grundverständnis musst du außerdem wissen, was du im EKG überhaupt siehst. Die Ausschläge werden als P, Q, R, S und T bezeichnet. Zwischen ihnen liegen Strecken und Intervalle. Das Buch erklärt zum Beispiel die PQ-Strecke, die ST-Strecke, das PQ-Intervall, das ST-Intervall und das RR-Intervall. Für deinen Lernstand reicht es, wenn du weißt: Das EKG bildet zeitlich ab, wie die elektrische Erregung entsteht, weitergeleitet wird und sich zurückbildet. Das RR-Intervall entspricht dabei der Dauer zwischen zwei Kammererregungen und hilft bei der Einschätzung der Herzfrequenz.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Art der Ableitung. Deine Lehrkraft unterscheidet 3-Kanal-, 6-Kanal- und 12-Kanal-EKG. Beim 3-Kanal-EKG werden rote, gelbe und grüne Elektrode genutzt; es zeigt nur die Einthoven-Ableitungen. Das 6 Kanal-EKG ergänzt die schwarze Elektrode und umfasst Einthoven- und Goldberger-Ableitungen. Das 12-Kanal-EKG besteht aus dem 6-Kanal-EKG plus den Brustwandableitungen V1 bis V6. Im Buch wird das 12-Kanal-EKG außerdem als heutiger präklinischer Standard bezeichnet.
Die Ableitungen nach Einthoven sind bipolare Extremitätenableitungen. Dabei wird die Spannung zwischen zwei Elektroden gemessen. Einthoven I verläuft vom rechten zum linken Arm, Einthoven II vom rechten Arm zum linken Bein und Einthoven III vom linken Arm zum linken Bein. Besonders wichtig ist für den Rettungsdienst: Ableitung II ist die übliche präklinische Ableitung und nimmt die Herzströme entlang der Herzachse auf.
Die Goldberger-Ableitungen sind unipolare Extremitätenableitungen. Hier wird die Potenzialdifferenz zwischen einer Elektrode und zwei Referenzelektroden gemessen. So entstehen aVR, aVL und aVF. Zusätzlich gibt es die Brustwandableitungen nach Wilson: V1 bis V6. Die Positionen solltest du zumindest im Grundsatz kennen: V1 rechts parasternal im 4. ICR, V2 links parasternal im 4. ICR, V3 zwischen V2 und V4, V4 links medioklavikulär im 5. ICR, V5 in der linken vorderen Axillarlinie auf Höhe von V4 und V6 in der linken mittleren Axillarlinie auf Höhe von V4.
Wichtig für den Alltag ist aber nicht nur das Wissen über Namen und Farben, sondern das saubere Arbeiten. Das Buch weist darauf hin, dass der Oberkörper frei gemacht werden muss, der Patient ruhig liegen bleiben soll und keine störenden Einflüsse entstehen dürfen. Später bei der schnellen EKG-Beurteilung wird zuerst geprüft, ob überhaupt ein plausibles Bild vorliegt oder ob lockere Elektroden, Kabelprobleme oder Fehlanschlüsse das EKG verfälschen. Erst dann schaut man auf Herzfrequenz, Rhythmusform, QRS-Komplexe, P-Wellen und mögliche Abweichungen wie Extraschläge oder ST-Strecken-Veränderungen.
Warum ist das alles so relevant? Weil das EKG im Rettungsdienst nicht nur „nice to have“ ist. Im aktuellen ACS-Algorithmus wird ausdrücklich genannt: Lagerung, Sauerstoffgabe nach Bedarf, RR-Messung, EKG, SpO2 und i.v.-Zugang gehören zum Vorgehen; das 12-Kanal-EKG soll schnellstmöglich abgeleitet werden.
Das heißt für dich: Reizleitungssystem und EKG-Grundlagen sind kein reines Theorie-Thema, sondern ein echtes Werkzeug für den Einsatz.
3 Learnings des Tages
Der Sinusknoten ist der normale Taktgeber des Herzens, der AV-Knoten und der Kammereigenrhythmus sind nachgeordnete Schrittmacherzentren.
Das EKG zeigt die elektrische Aktivität des Herzens, aber nicht automatisch seine mechanische Pumpfunktion.
Einthoven, Goldberger und Wilson sind keine „Lernwörter“, sondern die Grundlage dafür, EKG-Ableitungen im Rettungsdienst richtig zu verstehen und anzulegen.
Zusammenfassung: Wissen merken für die Prüfung
Wenn du die Reihenfolge Sinusknoten, AV-Knoten, His-Bündel, Tawara-Schenkel und Purkinje-Fasern sicher benennen und 3-, 6- und 12-Kanal-EKG sauber unterscheiden kannst, hast du die wichtigste Basis für dieses Thema schon gelegt.
ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG
Dieses Thema wirkt am Anfang technisch, wird aber schnell logisch, wenn du es in zwei Fragen zerlegst: Wo entsteht der elektrische Impuls, und wo wird er gemessen? So lernst du damit: Zeichne dir einmal das Reizleitungssystem auf und lege daneben eine kleine Skizze mit Einthoven I–III, Goldberger aVR/aVL/aVF und V1–V6 an. Wenn du beides nebeneinander lernst, wird aus trockener Theorie ein verständliches Gesamtbild – und genau das hilft dir später in Prüfung, Fallbeispiel und Einsatz.
Quellen & Grundlagen
Rettungssanitäter Heute, 5. Auflage – Elsevier – 2022. Grundlagen zu Reizbildungs- und Reizleitungssystem, EKG-Diagnostik, Ableitungen und Beurteilung.
Rettungssanitäter-Algorithmen 2025|2026 – Deutscher Berufsverband Rettungsdienst e. V. (DBRD) – 2025. Praxisbezug 12-Kanal-EKG beim ACS.
Formuliert auf RettSan-Niveau nach Trägerstandard als ergänzender Blogbeitrag zu B3-M01a.





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