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Bilharziose in Livingstone: Wenn Süßwasser zur Diagnosefalle wird – Auftreten, Diagnose, Therapie

📍 08.02.2026 Livingstone (Sambia)


Der erste Abend in Livingstone hat dieses besondere Licht: warm, golden, fast friedlich – und dann plötzlich nur noch Gischt, Donnern und diese riesige weiße Wand. Direkt an den Victoriafällen (Mosi-oa-Tunya) steht unsere Gruppe im Regen der Wasserfälle, Ponchos kleben auf der Haut, Schuhe sind längst durch. Nach der Anreise sitzt man nicht einfach „noch kurz zusammen“ – man steht an einem der eindrucksvollsten Naturorte Afrikas und merkt: In dieser Kulisse ist „Urlaub“ nie nur Urlaub.


Gruppe der Rettungsanker Rettungsdienstschule ® am Aussichtspunkt der Victoriafälle – Gischt, Regen und Teamfoto in Livingstone.

Dann fällt ein Satz, der im Rettungsdienst und in der ZNA sofort den Alarmknopf drückt: „Ich war im Fluss baden – seit Tagen Blut im Urin.“ Kein Drama, kein lautes Klagen. Nur ein Symptom, das man viel zu leicht wegwischen könnte. Und genau da beginnt der Lernmoment.


Heute ist Tag 1 in Livingstone (Sambia) – und unser Thema trifft mitten in die Reisemedizin-Realität: Bilharziose: Auftreten, Diagnose, Therapie. Dozentin ist Antje Warneke, MFA aus der ZNA des Asklepios Klinikums Harburg – praxisnah, klar und mit dem Blick für die typischen Denkfehler, die uns im Alltag Zeit kosten.



Bilharziose: Auftreten, Diagnose und Therapie – praxistauglich für ZNA & Rettungsdienst


Worum geht’s heute?

Bilharziose (Schistosomiasis) ist keine „Exotenkrankheit“, sondern eine konsequente Folge eines simplen Expositionsmoments: Süßwasserkontakt in Endemiegebieten. Die Infektion passiert leise – die Komplikationen sind es oft nicht. Entscheidend ist, dass wir in Klinik und Präklinik Anamnese + Leitsymptom zusammenbringen, bevor wir im Labor „blind“ suchen.


Die Fortbildungsreise „Rettungsanker goes international 2026“ ist genau dafür gemacht: Fallarbeit, Transfer in reale Szenarien



3 klinische Kernpunkte

1) Auftreten: Der Trigger ist fast immer Süßwasser – und die Latenz ist tückisch

  • Klassiker: Baden/Waten/Waschen im See/Fluss/Stausee.

  • Symptome können früh (z. B. juckende Hautreaktion) oder verzögert auftreten – und dann wirkt alles „unspezifisch“.

  • Für den Alltag: „War Süßwasser im Spiel?“ gehört bei Reiserückkehrenden in die Standardanamnese.


2) Diagnose: Nicht nur „ein Test“, sondern Timing + Material + Verdacht

  • Eosinophilie kann ein Hinweis sein – ersetzt aber keine Diagnostik.

  • Je nach Form sind Urin (v. a. urogenital) oder Stuhl (intestinal) relevant.

  • Merksatz für die Praxis: Wenn der klinische Verdacht passt, lieber gezielt untersuchen (und ggf. wiederholt) statt „einmal alles“ und dann Entwarnung.


3) Therapie: Früh erkennen, gezielt behandeln, Komplikationen mitdenken

  • Standardtherapie erfolgt in der Regel mit Praziquantel (ärztliche Entscheidung, Kontext/Timing beachten).

  • Wichtig für ZNA/Notaufnahme: Nicht nur „Tablette rein“ – sondern Organbeteiligung (urogenital/hepatisch/pulmonal/neurologisch) im Blick behalten.

  • Bei deutlicher Systemreaktion oder schweren Verläufen zählt: Stabilisieren, Komplikationen adressieren, infektiologische/ tropenmedizinische Rücksprache.



Typische Fehler / Stolperfallen

  • Süßwasseranamnese vergessen („War ja nur kurz drin…“).

  • Falsches Probenmaterial oder falscher Zeitpunkt: einmal Urinstix, fertig.

  • Bakterielle HWI-Schublade bei Hämaturie nach Afrika-Reise – ohne zweite Denkspur.

  • „Kein Fieber = kein Problem“: Bilharziose kann ohne dramatisches Fieberbild auftreten.



Praxis-Checkliste

Anamnese in 20 Sekunden: Reisegebiet + Süßwasserkontakt + Beginn der Symptome.


Leitsymptome aktiv abfragen: Hämaturie/Dysurie, Bauchbeschwerden/Diarrhö, Fieber/Abgeschlagenheit, Hautreaktionen.


Basisdiagnostik zielgerichtet: Blutbild (Eos), je nach Verdacht Urin/Stuhl gezielt.


Red Flags: neurologische Symptome, schwere Dyspnoe, Kreislaufinstabilität → Akutmanagement + Spezialkonsil.


Dokumentieren & nachverfolgen: Verdacht klar benennen, damit in der Weiterbehandlung keine Spur verloren geht.



3 Learnings des Tages

  • Bilharziose beginnt oft mit einem einzigen Expositionsmoment: Süßwasser – und genau das muss in die Standardanamnese.

  • Diagnose ist Timing + Zielgenauigkeit: passendes Material und klinischer Verdacht schlagen „Breitband-Labor“.

  • Therapie ist mehr als ein Medikament: Organbeteiligung/Komplikationen entscheiden über Tempo und Setting.



Take-home-Message

Wenn Reiserückkehrende Symptome nach Süßwasserkontakt haben, ist Bilharziose kein Randgedanke – sondern eine Pflicht-Diagnose, bis das Gegenteil bewiesen ist.



AUSBLICK AUF MORGEN

Morgen bleiben wir in Livingstone – aber thematisch wird’s „muskelhart“: Rhabdomyolyse: Risikofaktoren, Diagnostik, Therapieentscheidungen. Nach Hitze, Belastung und langen Wegen ist das genau die Art Krankheitsbild, die man in der Präklinik übersieht – und in der ZNA zu spät bemerkt, wenn man nicht sauber darauf achtet.



ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG

Livingstone fühlt sich nach Ankommen an – aber es ist dieses aktive, wache Ankommen: neue Umgebung, neue Risiken, alte klinische Prinzipien. Der heutige Tag hat gezeigt, wie schnell „Reisemedizin“ in harte Akutmedizin kippt, wenn wir die falsche Frage nicht stellen.


Und genau dafür ist diese Reise da: kompetent bleiben, neugierig bleiben, klinisch denken – auch wenn draußen gerade Afrika-Abendluft weht.

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