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Durch Mücken übertragene Erkrankungen: Wenn der Abend am Fluss plötzlich klinisch wird

📍 06.02.2026 Katima Mulilo (Namibia)


Nahaufnahme einer Mücke auf menschlicher Haut mit Schriftzug „Rettungsanker goes international 26“ und „06.02 Katima Mulilo, Namibia

Kurz vor der Landung ist es in der kleinen Maschine fast still. Schmale Sitzreihen, ein paar Kopfhörer, Kapuzen hochgezogen – und dieser typische „Flug-Müdigkeitsmodus“, in dem sogar Profis für einen Moment einfach nur Passagiere sind. Dozenten und Teilnehmende hängen in den Gurten, die Augen halb zu, irgendwo zwischen Wolken und Ankunft. Man spürt: Der Kopf ist schon in Katima Mulilo, der Körper noch im Transit.

Nur einer ist längst „im Einsatzmodus“: Kim Reiner Godhusen, ärztliche und wissenschaftliche Leitung der Rettungsanker Rettungsdienstschule ®. Während um ihn herum noch gedöst wird, hebt er die Kamera, fängt das Licht, die Reihen, die müden Gesichter ein – echte Momentaufnahmen, kurz bevor die Tür aufgeht und aus Anreise Realität wird.



Müde Teilnehmende und Dozenten in einer kleinen Passagiermaschine kurz vor der Landung; im Vordergrund ein Selfie aus der Sitzreihe.

Dann setzt das Fahrwerk auf. Ein Ruck, ein kurzes Aufatmen – und plötzlich ist die Müdigkeit nur noch Hintergrundrauschen. Draußen wartet grelles Licht, weite Fläche, warme Luft. Auf dem Rollfeld wird aus „wir sind gelandet“ ganz schnell „wir sind da“: Taschen greifen, Türen auf, erster Schritt hinaus – und ein Grinsen, das sagt: Okay. Neuer Ort. Neuer Tag. Neues Thema.


Kleine Regionalmaschine auf dem Rollfeld in Namibia; Teilnehmende steigen aus und gehen mit Gepäck bei sonnigem Himmel über das Vorfeld.



Genau diese kleinen, scheinbar banalen Situationen sind in der Praxis oft der Startpunkt für richtig große Geschichten: Fieber in der Nacht, Schüttelfrost am nächsten Tag, diffuse Myalgien, Kopfschmerz, Übelkeit – und die Frage im Rettungsdienst oder in der ZNA: Was ist hier wahrscheinlich? Was ist gefährlich? Was muss ich sofort tun?


Heute ging es deshalb um durch Mücken übertragene Erkrankungen – und zwar nicht als Reisemedizin-Poster an der Wand, sondern als praxistaugliches Entscheidungswerkzeug: Prophylaxe, Impfungen, Therapie.


Geleitet von Florian Grundmann (Rettungssanitäter, Berufsfeuerwehr Hamburg).



Durch Mücken übertragene Erkrankungen: Prophylaxe, Impfungen, Therapie – der Einsatzblick zählt


Worum geht’s heute?


„Mücke“ ist kein Diagnosebegriff – aber ein sauberer Risikofaktor. In Katima Mulilo wird das besonders greifbar, weil Exposition nicht theoretisch ist: Abenddämmerung, stehende Gewässer, dünne Kleidung, spontane Outdoor-Pläne. Für Klinik und Rettungsdienst heißt das: Anamnese + Zeitachse + Red Flags schlagen Bauchgefühl.



3 klinische Kernpunkte

1) Erst denken, dann testen: Zeitachse ist der Schlüssel. Bei durch Mücken übertragene Erkrankungen entscheidet die Inkubationszeit oft darüber, welche Verdachtsdiagnosen „oben“ liegen.

  • Sehr früh nach Exposition sprechen unspezifische Symptome eher für häufige, banale Ursachen – aber: Exposition plus Fieber bleibt ernst.

  • Tage bis Wochen nach Reise/Ortswechsel wird das Feld breiter: virale Fiebererkrankungen, Malaria, andere Vektorinfektionen. Praktisch: Symptombeginn-Datum und letzter Expositionstag gehören in jeden Einsatzbericht.


2) „Fieber nach Stich“ ist nicht gleich „harmlose Grippe“ – Red Flags aktiv suchen Für präklinisch/ZNA sind besonders relevant:

  • Bewusstseinsveränderung, Krampf, Nackensteife → immer „ZNS-Beteiligung/Sepsis“ mitdenken.

  • Hypotonie, Tachykardie, verlängerte Rekap-Zeit → Schock/Sepsis-Algorithmus früh starten.

  • Petechien, Blutungszeichen, starker Bauchschmerz, persistierendes Erbrechen → potenziell schwerer Verlauf, engmaschig, früh Klinik/Intensivstruktur.

  • Schwangerschaft, Säuglinge/Kleinkinder, Immunsuppression, relevante Komorbiditäten → niedrigere Schwelle für Eskalation.


3) Prophylaxe & Impfungen: Nicht „viel hilft viel“, sondern „passend hilft sicher“

Heute ging’s bewusst um das, was im Alltag häufig schiefgeht:


  • Impfstatus nicht nur „ja/nein“ – sondern: welche Impfung, wann, vollständig, Booster?

  • Prophylaxe ist mehr als Tablette: konsequenter Mückenschutz (Repellents, lange Kleidung, Moskitonetz, Expositionszeiten meiden) ist oft der stärkste Hebel.

  • Therapeutisch zählt: Symptomkontrolle + Risiko-Stratifizierung + rechtzeitige Diagnostik/Überwachung. Präklinisch bedeutet das häufig: Stabilisierung, Fiebermanagement, Volumen/Schocktherapie nach Lage, frühzeitige Zielklinik.



Typische Fehler / Stolperfallen

  • „Reiseanamnese vergessen“: Der Patient war „nur kurz“ unterwegs – genau das reicht manchmal.

  • „Fieber weg = Gefahr weg“: Antipyrese kaschiert Dynamik. Verlauf und Red Flags bleiben entscheidend.

  • „Zu spät eskalieren“: Sepsis-/Schockzeichen werden als Dehydratation abgetan.

  • „Impfung = sicher“: Impfungen reduzieren Risiken, ersetzen aber nicht klinisches Denken und Monitoring.



Praxis-Checkliste

  • Exposition: Wo? Wann? Dämmerung/Nähe Wasser? Schutzmaßnahmen?

  • Time: Symptombeginn, Fiebermuster, Verlauf, Antipyretika?

  • Alarmzeichen: Bewusstsein, Kreislauf, Blutung, ZNS, Erbrechen/Dehydratation.

  • Risiko: Schwangerschaft, Alter, Immunsuppression, Komorbiditäten.

  • Goal: Stabilisieren, Sepsis mitdenken, Zielklinik/Diagnostik früh, Verlauf dokumentieren.



3 Learnings des Tages

  • Durch Mücken übertragene Erkrankungen sind klinisch zuerst ein Zeitachsen- und Risikoproblem – nicht ein „Insektenproblem“.

  • Red Flags aktiv abfragen: ZNS, Kreislauf, Blutung, anhaltendes Erbrechen – dann wird’s einsatzentscheidend.

  • Prophylaxe ist Kombination: Mückenschutz + passende Impf-/Prophylaxe-Strategie + klinische Wachsamkeit.



Take-home-Message

Wenn „Stich + Fieber“ auf dem Tisch liegt, gewinnt nicht die beste Vermutung – sondern die sauberste Risikostruktur: Zeitachse, Red Flags, konsequentes Monitoring und frühe Eskalation.



AUSBLICK AUF MORGEN

Wir bleiben noch einen weiteren Tag in Katima Mulilo – und morgen wird es maximal praxistauglich: Malaria: Diagnostik, Therapie, Prophylaxe. Was kann präklinisch wirklich entschieden werden, welche Tests bringen wann etwas – und welche Therapiefehler kosten Zeit, die wir im Einsatz nicht haben?


Blick durch Bäume auf einen breiten Fluss in Katima Mulilo mit Holzsteg und blauem Himmel – typische Umgebung für mückenreiche Dämmerungszeiten.

ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG

Katima Mulilo fühlt sich nach Weite an – und erinnert uns gleichzeitig daran, wie schnell aus „Urlaubsmodus“ Akutmedizin wird. Heute haben wir durch Mücken übertragene Erkrankungen so sortiert, dass sie im Kopf bleiben: nicht als Liste, sondern als Handlungslogik für Rettungsdienst, ZNA und Station. Und genau damit gehen wir morgen in die Malaria-Vertiefung – vorbereitet, wachsam, einsatzbereit.

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