Dekompressionskrankheit beim Tauchen: Wenn der Aufstieg zur Diagnose wird
- Alexander Lörbs
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
📍 04.02.2026 Walvis Bay (Namibia)
Walvis Bay wirkt morgens wie ein Versprechen: salzige Luft, ruhiges Wasser, die Sonne steht noch flach – und trotzdem liegt in dieser Idylle ein Risiko, das man nicht sieht. Ein falscher Aufstieg, ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu „wird schon gehen“ – und plötzlich wird aus Freizeit ein Notfall.
Genau diese Kippstelle ist heute unser Thema. Denn die Dekompressionskrankheit ist kein exotischer Lehrbuchfall, sondern eine Diagnose, die in der Präklinik und in der ZNA schnell übersehen werden kann – gerade weil die Symptome so unspezifisch starten können: Müdigkeit, Schmerzen, „komisches Gefühl“, Hautveränderungen.
Unter der wissenschaftlichen Leitung von Kim Reiner Godhusen schärfen wir heute die klinische Brille: Tauchen & Dekompressionskrankheit – erkennen, richtig handeln, sicher entscheiden.

Dekompressionskrankheit: erkennen, richtig handeln, sicher entscheiden
Worum geht’s heute? Heute ging’s um die Situation, die in der Praxis gern unterschätzt wird: Ein Tauchgang läuft „eigentlich gut“, der Patient sitzt später im Schatten, trinkt Wasser – und klagt über diffuse Beschwerden. Genau hier trennt sich Routine von Notfallmedizin. Die Dekompressionskrankheit kann jedes Organ treffen, und die ersten Minuten entscheiden oft über Verlauf und Restdefizite.
Geleitet wurde das Modul von Arik L. Hilger (Lungenabteilung, Asklepios Klinikum Harburg) – passend, weil bei Tauchunfällen Atemwege, Lunge und Gastransport eine zentrale Rolle spielen.
3 klinische Kernpunkte
Symptome sind oft unspektakulär – bis sie es nicht mehr sind. Denke bei Beschwerden nach dem Tauchen an mehr als „Muskelkater“:
Gelenk-/Muskelschmerz („Bends“), oft Schulter/Ellenbogen/Knie
Haut: Juckreiz, Marmorierung, Exanthem-ähnliche Veränderungen
Neurologisch: Parästhesien, Gangunsicherheit, Schwäche, Schwindel, Verwirrtheit
Pulmonal: Dyspnoe, Husten, Thoraxschmerz (immer „red flag“)
Erste Maßnahme: Sauerstoff – und zwar konsequent. Hochdosierter O₂ reduziert die Inertgaslast und verbessert die Oxygenierung kompromittierter Gewebe. Praktisch heißt das: früh, hoch, stabil – und nicht „nur mal kurz“. Dazu: schonende Lagerung, Wärme, Monitoring.
Die sichere Entscheidung heißt: frühzeitig an die Druckkammer denken. Nicht abwarten, nicht „erst mal schauen“. Wenn neurologische Symptome, relevante Dyspnoe oder progrediente Beschwerden: früh Kontakt zur hyperbaren Therapie/Druckkammer, strukturierte Übergabe, Transportplanung mit Blick auf Verschlechterung.
Typische Fehler / Stolperfallen
„Der ist doch fit, der ist ja selbst zum Auto gelaufen.“ → Symptome können verzögert auftreten oder schleichend progredient sein.
Zu wenig Fokus auf Zeitlinie: Wann war der letzte Tauchgang? Wie schnell war der Aufstieg? Wiederholungstauchgänge? Fliegen/hohe Lage geplant?
O₂ zu niedrig dosiert oder zu früh beendet.
Neurologie nur „grob“ geprüft: Kein dokumentierter Status, keine Verlaufskontrolle – dabei sind kleine Defizite entscheidend.
Praxis-Checkliste (präklinisch/ZNA-tauglich)
ABCDE + konsequentes Monitoring (SpO₂, RR, EKG, Temp, GCS)
Tauch-Anamnese in 60 Sekunden:
letzter Tauchgang (Uhrzeit), Tiefe/Dauer, Aufstiegsprofil
Wiederholungstauchgänge, Deko-Stopps, Probleme beim Aufstieg
Symptome: Beginn, Verlauf, Neurologie, Atmung, Haut, Schmerz
Flug/hohe Lage nach dem Tauchen geplant/erfolgt?
Therapie sofort: Hochdosierter O₂, Wärme, i.v.-Zugang + Volumen nach Klinikstandard, Schmerztherapie nach Bedarf
Neurologischer Kurzstatus dokumentieren: Pupillen, Kraft, Sensibilität, Koordination, Gang (wenn sicher), Sprache
Früh eskalieren: Kontakt Druckkammer/hyperbare Medizin, Transport- und Übergabestrategie festlegen
3 Learnings des Tages
Dekompressionskrankheit beginnt oft unspektakulär – die Zeitlinie „nach dem Tauchgang“ ist der diagnostische Schlüssel.
Hochdosierter Sauerstoff ist eine frühe, wirksame und häufig entscheidende Maßnahme.
Bei neurologischen oder pulmonalen Symptomen ist die Druckkammer-Option kein „Plan B“, sondern Teil der Erstentscheidung.
Take-home-Message
Wenn Beschwerden nach dem Tauchen auftreten, gilt: lieber einmal zu früh „Dekompressionskrankheit“ denken als einmal zu spät – O₂, Status, Eskalation.
AUSBLICK AUF MORGEN
Wir stehen bereits direkt auf dem Rollfeld – die Hitze flimmert über dem Beton, der Wind trägt den Geruch von Kerosin herüber. Vor uns wartet der Flieger nach Windhoek: Treppe dran, Crew in Warnwesten, ein kurzes Nicken – dann heißt es einsteigen. Walvis Bay bleibt zurück, und mit jedem Schritt Richtung Kabine wird klar: Morgen geht’s nicht mehr ums Meer, sondern um das, was an Land lauert. #Giftspinnen

Wir sprechen über präklinische Versorgung, Risikoeinschätzung und die Rolle von Antiserum – inklusive typischer Denkfehler, die im Einsatz teuer werden können.
ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG
Walvis Bay liefert heute die perfekte Kulisse für ein Thema, das keine Kulisse braucht: Die Dekompressionskrankheit ist real, tückisch und behandelbar – wenn wir sie erkennen. Wer die Anamnese strukturiert erhebt, O₂ konsequent gibt und neurologische Zeichen ernst nimmt, macht aus einem Bauchgefühl eine sichere Entscheidung. Und genau dafür sind wir hier: Wissen, das mitreist – und im Ernstfall sitzt.

