Seeigelverletzungen in Walvis Bay: Wenn ein kleiner Stachel zur großen Wunde wird
- Alexander Lörbs

- vor 7 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
📍 03.02.2026 Walvis Bay (Namibia)
Der Atlantik wirkt heute Morgen wie Glas. Kalt, klar, harmlos – bis man einen Schritt zu weit macht. Ein leises „Aua!“ am Strand, ein kurzes Humpeln, dann der Blick nach unten: ein Stachel, der sich nicht wie ein Souvenir anfühlt, sondern wie ein medizinischer Auftrag.
Walvis Bay (Namibia) ist erst seit einem Tag unser Kursort – und schon zeigt uns die Küste, warum Reisemedizin nicht im Seminarraum beginnt, sondern dort, wo Alltag und Risiko ineinanderfallen.

Heute haben wir uns den vermutlich schönsten Kursraum der Welt gesucht – und er hat keinen Beamer, keine Klimaanlage und keine Steckdose. Dafür: Sand unter den Schuhen, Wind im Gesicht und diese endlose Ruhe, die sofort klar macht, wie weit „Hilfe“ hier entfernt sein kann. Unterricht direkt in der Wüste – und plötzlich fühlt sich jedes Thema doppelt real an.
Bevor der erste Fall diskutiert wurde, war schon die Anfahrt ein kleines Lehrstück in Logistik und Teamwork: Zwei Geländefahrzeuge, Material im Kofferraum, Wasser in Griffweite – und dann dieses Video, das ihr später sehen werdet: Motor brüllt, Sand spritzt, die Wagen klettern die Dünen hoch, und für einen Moment ist alles nur Bewegung und Adrenalin. Genau solche Settings erinnern uns daran, dass Notfallmedizin unterwegs beginnt – lange bevor der Patient vor uns liegt.
Oben auf der Düne wird es still. Ein kurzer Blick über die Landschaft, ein Schluck Wasser, ein paar Lachmomente zwischen Dozenten und Teilnehmenden – und dann geht’s los: praxisnah, strukturiert, medizinisch sauber. Denn wenn die Umgebung spektakulär ist, muss das Vorgehen umso klarer bleiben.
Seeigel sind keine „Mini-Unfälle“. Sie sind der Startpunkt für Infektionen, Fremdkörperreaktionen, granulomatöse Entzündungen – und manchmal für echte funktionelle Probleme, wenn der Fuß zum Patient wird.
Heute ging es deshalb um Seeigel & andere Meeresbewohner: Komplikationen, Wundmanagement – praxisnah, klinisch relevant und mit dem Blick auf Rettungsdienst, ZNA und Praxis.
Dozent des Tages: Maximilian Warneke (Notfallsanitäter, Johanniter Unfallhilfe LK Harburg).
Seeigelverletzungen: Komplikationen erkennen, Wunden richtig führen
Worum geht’s heute?
Seeigelverletzungen entstehen meist durch Tritt- oder Sturzmechanismen in flachem Wasser, auf Felsen oder in Tidepools. Der Stachel ist dabei nicht nur „spitz“, sondern häufig brüchig – und genau das macht die Versorgung tricky: Teile bleiben zurück, Entzündungen werden chronisch, und die scheinbar kleine Läsion kann Tage später eskalieren.
Dazu kommen „andere Meeresbewohner“ als Differenzialdiagnose am Küstenrand: kleine Schnitt-/Stichverletzungen durch Muschelkanten, Schürfungen mit Sandkontamination, Anemonen-/Korallen-Kontakt (je nach Region), und immer wieder: Sekundärinfektion durch Wasserkeime.
3 klinische Kernpunkte
1) Der Stachel ist oft der kleinere Teil des Problems – die Kontamination ist der größere.
Meerwasserwunden sind per Definition kontaminiert.
Alarmzeichen sind nicht die ersten Minuten, sondern die Stunden bis Tage danach: zunehmender Schmerz, Rötung, Schwellung, Wärme, Sekret, Funktionsverlust, Fieber.
2) Fremdkörpermanagement ist Führungsarbeit – nicht Aktionismus.
Sichtbare Stachelreste? Dann gilt: so atraumatisch wie möglich entfernen (Pinzette, sterile Technik, adäquate Analgesie).
Tiefe, nicht sicher erreichbare Fragmente: eher „geführtes Vorgehen“ als „herumstochern“. Denn aggressive Manipulation vergrößert Gewebetrauma, treibt Material tiefer und erhöht das Infektionsrisiko.
Klinisch wichtig: Bei anhaltenden Beschwerden nach Seeigelverletzungen an retinierte Fragmente und eine chronische Fremdkörperreaktion denken.
3) Tetanus, Schmerz, Funktion – die drei Sofortachsen.
Tetanusstatus konsequent prüfen und aktualisieren.
Analgesie früh: Ohne Schmerztherapie keine saubere Wundinspektion.
Funktion dokumentieren: Belastbarkeit, Beweglichkeit, neurovaskulärer Status – vor allem bei Fuß/Hand und bei tiefen Stichverletzungen in Gelenknähe.
Typische Fehler / Stolperfallen
„Sieht klein aus, wird schon.“ → Später kommt der Patient mit zunehmender Schwellung, Abszess, Zellulitis oder ausgeprägtem Belastungsschmerz.
Zu viel mechanisches „Suchen“ im Gewebe. → Mehr Trauma, mehr Entzündung, schlechtere Heilung.
Keine saubere Wundreinigung. → Sand, Muschelreste, Biofilm: perfekte Grundlage für Infektion.
Tetanus vergessen. → Klassiker bei „Urlaubswunden“.
Praxis-Checkliste
Seeigelverletzungen – so gehst du strukturiert vor:
ABCDE? Bei lokaler Verletzung meist stabil – trotzdem einmal sauber scannen.
Anamnese kurz & zielgerichtet: Zeitpunkt, Mechanismus, Schmerzverlauf, Vorerkrankungen (Diabetes, Immunsuppression), Allergien, Antikoagulation.
Inspektion + Funktion: Lokalbefund, Beweglichkeit, Belastbarkeit, neurovaskulär.
Wundreinigung: großzügig spülen, Schmutz/Sand entfernen, steriles Arbeiten.
Fremdkörper: sichtbar → vorsichtig entfernen; nicht sichtbar/tief → nicht „blind“ graben, sondern Verlauf planen (Kontrolle/ärztliche Weiterbehandlung).
Tetanus: prüfen und handeln.
Red Flags / Wiedervorstellung klar kommunizieren: zunehmender Schmerz, Rötung, Fieber, Lymphangitis, Eiter, Funktionsverlust.
Dokumentation: Mechanismus, Befund, Maßnahmen, Aufklärung.
Mini-Transfer in die ZNA/Rettungsdienstrealität
Das Entscheidende an Seeigelverletzungen ist nicht die „Exotik“, sondern das Muster: kleine Eintrittspforte + Kontamination + Fremdkörperrisiko. Genau diese Trias findet ihr auch bei anderen Reiseverletzungen – und sie entscheidet, ob aus einer Wunde ein Verlauf wird.
3 Learnings des Tages
Seeigelverletzungen sind oft Fremdkörper- und Kontaminationsprobleme – nicht nur „Stich“.
Weniger „herumprobieren“, mehr strukturierte Wundführung: reinigen, dokumentieren, Verlauf planen.
Red Flags gehören zur Therapie: klare Sicherheitsnetze verhindern späte Eskalationen.
Take-home-Message
Bei Seeigelverletzungen gewinnt nicht der Schnellste, sondern der Sauberste: gute Analgesie, gründliche Reinigung, kluges Fremdkörpermanagement – und konsequente Aufklärung zur Wiedervorstellung.
AUSBLICK AUF MORGEN
Morgen ist unser letzter Tag in Walvis Bay (Namibia) – und wir wechseln die Perspektive vom Strand zum Wasser: Tauchen & Dekompressionskrankheit. Erkennen, richtig handeln, sicher entscheiden – besonders dort, wo Klinik nicht „um die Ecke“ ist, sondern eine Logistikfrage.
ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG
Walvis Bay fühlt sich nach Weite an – Wind, Salz, Horizont. Genau diese Kulisse erinnert uns daran, wie schnell „Urlaub“ in „Versorgung“ kippt. Wer Seeigelverletzungen sauber beherrscht, beherrscht mehr als ein Reisethema: nämlich die Kunst, kleine Läsionen so zu führen, dass sie klein bleiben.

















Kommentare