Wasserrettung & Traumaversorgung – Wenn Sekunden überleben entscheiden
- Alexander Lörbs

- vor 5 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
📍 31.01.2026 Kapstadt / Mossel Bay (Südafrika)
Der Atlantik liegt ruhig vor uns. Morgensonne über Kapstadt, ein paar Surfer warten draußen auf die nächste Welle. Es sieht friedlich aus – fast trügerisch. Denn genau hier, wo Urlaub und Freiheit beginnen, kippt ein Szenario schneller als irgendwo sonst von Idylle in Hochrisikomedizin.

Und genau deshalb steht dieses Foto heute nicht „nur“ für einen schönen Moment am Kap der Guten Hoffnung. Es ist ein klinisches Lehrbild. Vor uns: offenes Wasser, spürbarer Wind, Brandung, Fels – keine geschützte Bucht, kein „mal eben“. Hinter uns: ein Team, das in dieser Kulisse lernt, was sich im Einsatz nie sauber trennen lässt: Umweltbedingungen, Zeitdruck und die ersten Entscheidungen am Patienten.
Das Holzschild wirkt wie ein Souvenir – dabei ist es eine klare Markierung: Hier draußen beginnt die Zone, in der Rettung zur Herausforderung wird. Wenn jemand in diese Strömung gerät, wenn ein Sprung auf den Fels schiefgeht oder ein Wassersport-Unfall passiert, dann zählt nicht die Postkarten-Optik, sondern Struktur:
Atemweg, Wärmehaushalt, Mechanismus, Transport
Kapstadt gibt uns heute die perfekte Bühne für das Thema Wasserrettung & Traumaversorgung: Weil die See ruhig aussehen kann und trotzdem gefährlich bleibt. Und weil der Abstand zwischen „Urlaub“ und „Notfall“ an Orten wie diesem oft nur eine Welle beträgt.
Seit fünf Tagen sind unsere Teilnehmerinnen, Teilnehmer und Dozent:innen der Rettungsanker Rettungsdienstschule ® nun in Kapstadt und Mossel Bay. Heute ist Tag 5 – der vorletzte an diesem Ort. Und er fühlt sich besonders an: konzentriert, wach, ernst. Denn das heutige Thema zwingt uns, den Blick zu schärfen für Situationen, in denen Rettung nicht am Ufer beginnt, sondern mitten im Element Wasser.
Wasserrettung & Traumaversorgung sind kein Spezialthema für Exoten. Sie sind hochrelevant für Rettungsdienst, Notaufnahme und Klinik – gerade dann, wenn Mechanismus, Zeitdruck und Umweltbedingungen gleichzeitig wirken.

Wasserrettung & Traumaversorgung – Medizin unter Extrembedingungen
Der heutige Fortbildungstag wird von Dr. med. Elisabeth M. Baumgart, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie (Asklepios Klinikum Harburg), geleitet. Ihr Fokus: realistische Szenarien, klare Prioritäten und der Transfer von Theorie in Situationen, in denen klassische Algorithmen angepasst werden müssen.
Worum geht’s heute?
Nicht um Sensationsmedizin. Sondern um strukturierte Traumaversorgung nach Wasserrettung – egal ob nach Beinahe-Ertrinken, Strömungsereignis, Bootsunfall oder Angriff durch Meerestiere.
Im Zentrum stehen:
Rettung aus dem Wasser
Erstversorgung am Wasser
Weiterbehandlung nach Wasserexposition
3 klinische Kernpunkte
1. Hypoxie schlägt Mechanik – immer zuerst denken
Nach Wasserunfällen ist Hypoxie der dominierende Schadenstreiber. Auch bei scheinbar „kleinen“ Traumata gilt: Oxygenierung, Atemweg, Vigilanz. Sekundäre Verschlechterungen sind häufig.
2. Traumamuster sind oft kombiniert
Wasserrettung bedeutet selten „nur“ Trauma oder „nur“ Ertrinken. Typisch sind Mischbilder:
Aspiration + Thoraxtrauma
Weichteilverletzung + Unterkühlung
Schädel-Hirn-Trauma + Hypoxie
Das verlangt Priorisierung statt Schema-F.
3. Unterkühlung verändert alles
Gerinnung, Kreislauf, Medikamentenwirkung – selbst milde Hypothermie verschlechtert Prognosen. Frühzeitiges Wärmemanagement ist kein Nice-to-have, sondern Therapie.
Typische Fehler & Stolperfallen
Fixierung auf sichtbare Verletzungen bei übersehener Hypoxie
Zu spätes Atemwegsmanagement nach Wasseraspiration
Unterschätzung der Unterkühlung bei sonnigem Wetter
Unkritische Volumengabe bei potenzieller Lungenbeteiligung
Praxis-Checkliste: Wasserrettung kompakt
Eigenschutz & Szenensicherheit zuerst
Atemweg und Oxygenierung priorisieren
Temperatur aktiv managen
Traumamechanismus realistisch einschätzen
Engmaschige Reevaluation – Zustand kippt oft verzögert
3 Learnings des Tages
Wasserrettung ist fast immer Hypoxie-Medizin
Traumaversorgung nach Wasserunfällen braucht flexible Algorithmen
Unterkühlung verschlechtert Prognosen früher als gedacht
Take-home-Message
Nach der Wasserrettung entscheidet nicht die spektakulärste Verletzung, sondern die sauber priorisierte Versorgung über das Outcome.

AUSBLICK AUF MORGEN
Wir bleiben noch bis zum 01.02. in Kapstadt. Morgen wechseln wir vom akuten Trauma zur schleichenden Systemerkrankung:
„Äthyltoxische Leberzirrhose – Diagnostik, Therapieoptionen und Fall-Diskussionen“.
Ein Thema, das weniger dramatisch beginnt – aber genauso lebensentscheidend endet.
ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG
Tag 5 in Kapstadt zeigt eindrucksvoll, warum diese Reise mehr ist als Fortbildung. Wasserrettung & Traumaversorgung zwingen uns, Medizin im Kontext zu denken: Umwelt, Mechanismus, Zeit und Teamarbeit.
Mit diesem Blick im Gepäck gehen wir in den letzten Tag vor der Weiterreise – fachlich geschärft, klinisch geerdet und mit dem klaren Gefühl: Genau dafür sind wir hier.





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