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Kann denn Essen Sünde sein? Durchfallerkrankungen in der Praxis

📍 30.01.2026 Kapstadt / Mossel Bay (Südafrika)


Die Sonne steht tief über der Mossel Bay, als unser Team am frühen Morgen die schroffe Atlantikküste entlangfährt. Vier Tage Kapstadt, Garden Route und diesmal ein Abstecher in diese idyllische Bucht im südafrikanischen Western Cape – perfekt fürs Auge, aber auch ein treffender Ort, um über ein allzu menschliches Thema zu sprechen: Durchfallerkrankungen unterwegs.



Die Luft riecht nach Meer, frischem Kaffee und einer Prise Abenteuer – doch in den Köpfen unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer schwingt noch die Frage vom letzten Abendseminar nach: „Kann denn Essen Sünde sein?“ Was wie ein augenzwinkernder Titel wirkt, bringt ein zentrales, klinisches Thema auf den Punkt: Wie erkennen, therapieren und vor allem verhindern wir unerwünschte gastrointestinale Zwischenfälle auf Reisen? Ein Thema, das für jede Klinik, ZNA und Rettungsdienstcrew relevant ist – nicht nur für Fernreisende.


Wir blicken heute mit Dr. med. Henriette Schlichting, Fachärztin für Innere Medizin und erfahrene Zentrale Notaufnahme-Dozentin am Asklepios Klinikum Harburg, praxisnah auf Durchfallerkrankungen, ihre Red Flags, gezielte Therapie und Prävention – lehrreich und mit dem Blick fürs Wesentliche.


Stethoskop auf einer Weltkarte mit Schriftzug „Rettungsanker goes international 2026 – 30.01 Kapstadt / Mossel Bay, Südafrika“.

Durchfallerkrankungen – Red Flags, Therapie und Prävention

Worum geht’s heute?

Gastrointestinale Beschwerden sind nicht nur „Urlaubskrankheiten“. Unter Durchfallerkrankungen fassen wir Infekte des Verdauungstraktes zusammen, die typischerweise zu häufigen, wässrigen Stühlen und begleitenden Symptomen führen können. Gerade auf Reisen in Regionen mit anderen Ernährungs- und Hygienestandards sind diese Erkrankungen häufig und in der Praxis relevant.



Was Sie im Klinik‑ und Rettungsdienstalltag wissen müssen

1. Klassische Ursachen und Pathophysiologie

Reisedurchfall entsteht meist durch enterische Pathogene – Bakterien wie ETEC, Campylobacter oder Shigellen stehen im Vordergrund, daneben Viren (z. B. Norovirus) und in bestimmten Situationen auch Parasiten. Die akute Form zeigt sich in den ersten Tagen einer Reise und ist in der Regel selbstlimitierend.


2. Red Flags – wann wird’s kritisch?

In der Differentialdiagnose und Notfallbewertung sind folgende Aspekte entscheidend:


  • Fieber und systemische Zeichen (Schüttelfrost, Tachykardie)

  • Blutige oder besonders schleimige Stühle

  • Anhaltende, starke Bauchschmerzen

  • Zeichen einer Dehydratation (schlechter Hautturgor, Hypotonie)

  • Einschränkung der Vigilanz oder stark eingeschränkter AllgemeinzustandDiese Alarmzeichen erfordern zügige klinische Abklärung und ggf. hospitalisierte Therapie.


3. Therapie – praxisnah und evidenzbasiert


Rehydratation: Immer erster Schritt! Eine ausreichende Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr ist die Grundlage jeder Therapie. Bei moderaten bis schweren Symptomen eignen sich orale Rehydrationslösungen, die Wasser, Natrium und Glukose kombinieren.


Symptomatische Therapie: Antidiarrhoika wie Loperamid können kurzfristig die Lebensqualität verbessern, sind aber bei Fieber oder blutigen Durchfällen kontraindiziert.


Antibiotika: Nicht routinemäßig, sondern reserviert für schwere, ausgeprägte oder persistierende Fälle – abgestimmt auf lokale Resistenzlage und klinischen Kontext.


4. Prävention – besser als heilen

„Boil it, cook it, peel it, or forget it“ gilt nach wie vor als Grundregel zur Risikoreduktion bei Lebensmitteln unterwegs, auch wenn diese Maßnahmen keinen absoluten Schutz bieten. Händehygiene, sichere Wasserquellen und bewusste Auswahl der Speisen sind integrale Bestandteile der Prävention.



Typische Fehler / Stolperfallen

  • Zu frühe Routine‑Antibiotikagabe ohne Indikation

  • Ignorieren von Red Flags wie Fieber oder Blut im Stuhl

  • Unzureichende Volumenbilanzierung und fehlende Rehydratation

  • Übersehen von Differenzialdiagnosen – z. B. andere infektiöse oder nicht‑infektiöse Ursachen



Praxis‑Checkliste

✔ Symptomatik klassifizieren (wässrige vs. blutige Diarrhö)

✔ Red Flags erkennen und dokumentieren

✔ Rehydration priorisieren

✔ Antidiarrhoika gezielt, nicht reflexartig einsetzen

✔ Antibiotika nur bei klarer Indikation



3 Learnings des Tages

  • Durchfallerkrankungen sind auf Reisen häufig, meist selbstlimitierend, können aber schwere Verläufe annehmen. 

  • Red Flags wie Fieber, Blut im Stuhl oder Zeichen der Dehydratation leiten klinische Entscheidungen. 

  • Prävention durch Hygiene und sichere Ernährung reduziert Risiko, aber eliminiert es nicht.



Take‑home‑Message

Nicht jedes Durchfallereignis ist eine Katastrophe – aber im klinischen Alltag entscheidet die strukturierte Einschätzung über Patientenwohl und Ressourcen. Leidenschaft für Details macht den Unterschied zwischen Routine und exzellenter Versorgung.


ALT‑Text: Teilnehmende der Rettungsanker‑Fortbildungsreise sitzen bei einem gemeinsamen Abendessen in Südafrika – Lernatmosphäre rund um Ernährung, Reisen und medizinische Prävention.

AUSBLICK AUF MORGEN

Morgen sind wir wieder in Kapstadt, wo uns ein herausforderndes Thema erwartet: „Wasserrettung & Traumaversorgung bei besonderen Verletzungsmustern“. Wasser, Wellen und komplexe Verletzungsmechanismen – ein Tag, der uns nicht nur praxisnah, sondern auch körperlich fordert.


ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG

Von Mossel Bay zurück nach Kapstadt – heute haben wir gelernt, wie man Durchfallerkrankungen professionell begegnet, ohne den Blick fürs Große zu verlieren. Mit dem Rüstzeug aus Red Flags, therapeutischen Prinzipien und Präventionsstrategien sind Sie gewappnet für die klinische Realität – sei es in der ZNA, im Rettungsdienst oder auf der Reise.


Bleib neugierig und reflektiert – morgen geht’s weiter mit Blaulicht, Wellen und Adrenalin!

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