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Ambulanzflüge & Rückholmedizin in Kapstadt: Warum Planung Leben rettet, bevor der Rotor dreht

📍 28.01.2026 Kapstadt / Mossel Bay (Südafrika)


Der Wind in Kapstadt hat diese Art, einen sofort wach zu machen. Gestern noch Landung – Gepäck, kurze Blicke aufs Meer, ein „Wir sind wirklich hier“ zwischen Jetlag und Vorfreude. Und heute? Heute fühlt sich alles einen Tick schärfer an: Funkdisziplin im Kopf, Routen im Blick, Schnittstellen im Hinterkopf. Kapstadt ist wunderschön – aber genau das ist der Punkt: Die Kulisse ändert nichts daran, dass Notfälle hier genauso plötzlich sind wie zuhause. Nur die Wege sind anders. Und die Optionen.


Denn wenn etwas passiert, ist „wir organisieren das mal eben“ keine Strategie. Gerade bei Ambulanzflügen und Rückholmedizin entscheidet nicht nur die Medizin – sondern das System dahinter: Wer ruft wen an? Wer dokumentiert was? Wer spricht mit dem Piloten? Wer mit der Klinik? Wer übernimmt die Übergabe? Und wie verhindert man, dass aus einem medizinischen Problem ein logistisches Chaos wird?


Genau deshalb ist Tag 2 in Kapstadt so praxisnah: Ambulanzflüge & Rückholmedizin: Planung, Rollen, Schnittstellen – damit im Ernstfall nichts improvisiert werden muss.


Dozent des Tages ist Nicolas Kipping (CEO German Air Logistics, Rettungssanitäter) – und genau diese Doppelperspektive merkt man sofort: medizinisches Denken plus operative Realität. Heute geht’s nicht um „Fliegen“, sondern um Rückholmedizin als System: Planung, Rollen, Schnittstellen – damit im Ernstfall nichts improvisiert werden muss.


Silhouette einer Person am Strand bei Sonnenuntergang, Arm nach oben gestreckt, darüber ein anfliegendes Flugzeug; eingeblendetes Branding „Rettungsanker goes international 2026“ und Text „28.01 Kapstadt / Mossel Bay, Südafrika“.

Ambulanzflüge & Rückholmedizin: Was zwischen Klinikbett und Kabinentür wirklich zählt


Worum geht’s heute?


Ambulanzflug und Rückholung sind kein „größerer Krankentransport“, sondern ein hochsensibles Zusammenspiel aus medizinischer Stabilisierung, Risikoabschätzung, Kommunikation und sauberer Rollenverteilung. Heute ging es darum, dieses Zusammenspiel so zu strukturieren, dass es auch unter Stress funktioniert – mit klaren Zuständigkeiten, festen Schnittstellen und einem gemeinsamen Lagebild.


Gerade im Reisekontext (Kapstadt als Knotenpunkt, lange Distanzen, unterschiedliche Versorgungsniveaus) wird sichtbar: Gute Rückholmedizin beginnt vor dem Abflug – und endet nicht mit der Landung, sondern erst mit einer sicheren Übergabe.



3 klinische Kernpunkte

1) Stabilisieren heißt: transportfähig machen – nicht „perfekt“ machen.

Der kritischste Fehler ist oft der Anspruch, vor Abflug noch „alles“ zu erledigen. Realistisch ist: Time-critical Stabilisierung mit Fokus auf die größten Risiken im Transport. Praktisch bedeutet das:


  • Airway/Breathing: Oxygenierung und Ventilation so absichern, dass sie auch bei Vibration, Geräusch, Enge und eingeschränktem Zugriff stabil bleibt.

  • Circulation: Blutdruck- und Perfusionsziele definieren, Vasopressoren/Analgesie/Sedierung nicht „nach Gefühl“, sondern mit Plan, Reserve und Monitoring.

  • Worst-Case-Denken: Was ist der wahrscheinlichste Abbruchgrund? Hypoxie, Hypotonie, Agitation, Blutung, Arrhythmie – und was ist euer Plan A/B?


2) Rollen klären, bevor es ernst wird: „Wer spricht – wer handelt – wer dokumentiert?“

Rückholmedizin scheitert selten an fehlendem Wissen – sondern an Schnittstellenverlust. Sobald mehrere Parteien beteiligt sind (Hotel/Retter, lokale Klinik, Versicherer/Assistance, Flugdienst, Zielklinik, Bodenlogistik), braucht ihr klare Rollen:


  • Medizinische Leitung/Entscheidung (Indikation, Risiken, Transportmodus)

  • Kommunikation/Koordination (ein Ansprechpartner, ein Kanal, ein Protokoll)

  • Dokumentation (Diagnosen, Verläufe, Medikation, Geräte, Übergaben)Diese Klarheit reduziert Reibung – und sorgt dafür, dass alle dasselbe Bild haben, wenn sich der Zustand ändert.


3) Übergabe ist ein kritischer Moment – und braucht Struktur wie ein Schockraum.

„Wir bringen den Patienten rüber“ klingt simpel – ist aber oft die gefährlichste Phase: Umlagerung, Kabel, Sauerstoff, Perfusoren, Monitoring, Sprache/Protokolle, neue Teams. Darum gilt:


  • Übergabe standardisiert (z. B. ABCDE + Situation/Background/Assessment/Recommendation)

  • Medikation/Infusionen 1:1 abgleichen (Laufzeiten, Konzentrationen, Restmengen)

  • Verantwortungsübergang klar benennen („Patient in Verantwortung Team X ab jetzt“)In der Rückholmedizin ist Übergabe nicht Höflichkeit – sie ist Patientensicherheit.



Typische Fehler / Stolperfallen

  • „Das machen wir unterwegs.“ → unterwegs ist Zugriff eingeschränkt, Optionen sind weniger, Zeitfenster sind enger.


  • Unklare Kommunikationskette. → fünf Ansprechpartner, keiner entscheidet. Ergebnis: Verzögerung oder Doppelarbeit.


  • Zu knappe Material- und Medikamentenplanung. → keine Reserve für Verzögerung, Umleitung oder Zustandsverschlechterung.


  • Übergabe ohne Struktur. → wichtige Informationen gehen verloren (Allergien, Letzte Medikation, aktuelle Dosis, kritische Befunde).



Praxis-Checkliste

Rückholmedizin-„Ready for Transport“-Quickcheck:


  • Indikation/Transportziel klar + Risikoabschätzung dokumentiert

  • Stabilisierung abgeschlossen (Airway/O2/Perfusion/Analgesie/Sedierung)

  • Monitoring/Backup (Akkus, O2-Reserve, Ersatzsensoren, Kabel)

  • Medikamente inkl. Reserve (mind. „Plan B“ für 2–3 kritische Szenarien)

  • Kommunikation: ein Ansprechpartner, ein Kanal, feste Updates

  • Übergabeplan: wer übernimmt wann, wo, mit welcher Struktur



3 Learnings des Tages

  • Rückholmedizin ist Team-Sport: Rollen und Schnittstellen entscheiden über Tempo und Sicherheit.

  • Transportfähigkeit schlägt Perfektion: Stabilisieren für den Weg – mit klaren Zielen und Reserven.

  • Übergabe ist Hochrisiko: Strukturierte Kommunikation verhindert Informationsverlust.



Take-home-Message

Bei Ambulanzflüge & Rückholmedizin gewinnt nicht das improvisierte Talent – sondern der Plan: klare Rollen, saubere Kommunikation und Transportfähigkeit als Ziel.


Teilnehmende und Dozenten der Rettungsanker Rettungsdienstschule ® stehen an einer felsigen Küste bei Kapstadt, im Hintergrund Berge und Meer; einige tragen Sonnenbrillen, eine Person hält einen Sonnenschirm.

AUSBLICK AUF MORGEN

Morgen bleiben wir in der Region – und wechseln den Fokus auf ein Thema, das im Reisekontext schnell unterschätzt wird: Tierbisse. In Mossel Bay geht es um Wundmanagement, Prophylaxen und Risikoeinschätzung – damit aus „war nur ein kleiner Biss“ kein großes Problem wird. (Dozentin laut Reiseplan: Dr. med. Elisabeth M. Baumgart, Orthopädie und Unfallchirurgie.)


ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG

Kapstadt liefert heute nicht nur Kulisse, sondern Klarheit: Wenn die Distanz wächst, muss die Struktur mitwachsen. Ambulanzflüge und Rückholmedizin sind kein Bauchgefühl-Thema – sie sind ein Systemthema mit medizinischem Kern. Wer die Rollen sauber verteilt, die Schnittstellen aktiv führt und Übergaben strukturiert, macht aus Komplexität ein beherrschbares Vorgehen. Und genau das ist der Unterschied zwischen „irgendwie angekommen“ und „sicher übergeben“.

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