Kapitel 12: Nervensystem-Grundlagen — zentrales Nervensystem
- Alexander Lörbs

- vor 1 Tag
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Einleitung in das Fachthema
Im betrieblichen Sanitätsdienst ist das Nervensystem ständig „mit im Raum“ – auch wenn man es nicht sieht. Bewusstsein, Schmerz, Reflexe, Pupillenreaktionen, Sprache und Bewegungen hängen davon ab, wie gut Gehirn und Rückenmark Informationen verarbeiten und weiterleiten. Für Betriebssanitäter*innen ist das Nervensystem deshalb kein reines Anatomie-Thema, sondern ein Praxiswerkzeug: Wer neurologische Warnzeichen früh erkennt, alarmiert rechtzeitig und priorisiert korrekt.
In der Prüfung wird das häufig über Fallbeispiele abgefragt: „Patient verwirrt“, „plötzliche Bewusstlosigkeit“, „Kribbeln/Lähmung“, „Krampfanfall“, „Schädel-Hirn-Trauma“. Dieses Kapitel gibt dir die Grundlagen, um solche Situationen strukturiert zu beurteilen – ohne in medizinische Details abzurutschen, die im Betrieb nicht umsetzbar sind.
zentrales Nervensystem
Zentrales Nervensystem (ZNS). Das ZNS besteht aus Gehirn und Rückenmark. Es ist die „Leitstelle“: Hier werden Sinnesreize verarbeitet, Bewegungen gesteuert und lebenswichtige Funktionen (z. B. Atmung/Kreislauf über Regelzentren) beeinflusst. Für die Erste Hilfe entscheidend ist die Frage: Funktioniert die Zusammenarbeit der Nervensystem-Anteile so, dass Bewusstsein und Schutzreflexe erhalten bleiben? (DGUV Handbuch/Erste-Hilfe-Grundlagen)
ZNS und Bewusstsein: Was bedeutet „bewusst“ praktisch?
Im Erste-Hilfe-Kontext ist Bewusstsein nicht philosophisch, sondern beobachtbar. Eine Person ist „bei Bewusstsein“, wenn sie:
ansprechbar ist (reagiert auf Ansprache),
orientiert wirkt (weiß grob wer/wo/was),
zielgerichtet reagiert (Blickkontakt, Antworten, Abwehrbewegungen).
DGUV-Grundlagen beschreiben Bewusstsein als Ergebnis eines ungestörten Zusammenspiels der Nervensystem-Bereiche: Dann kann der Mensch wahrnehmen (sehen/hören/fühlen etc.) und angemessen reagieren. Bricht dieses Zusammenspiel weg, entstehen Bewusstseinsstörungen bis zur Bewusstlosigkeit. (DGUV 204-007)
Prüfungsmerker: Bewusstsein beurteilst du über Ansprechbarkeit + Reaktion, nicht über „Gefühl“.
Peripheres Nervensystem: Warum das für dich trotzdem wichtig ist
Das periphere Nervensystem verbindet ZNS und Körper. Für die Erste Hilfe heißt das:
Sensorik: Schmerz, Temperatur, Berührung.
Motorik: Bewegung, Kraft, Koordination.
Vegetative Funktionen: Schweiß, Pupillen, Kreislaufreaktionen (indirekt sichtbar).
Wenn jemand nach einem Unfall „nichts mehr spürt“ oder „Beine nicht bewegen kann“, ist das für dich ein Red-Flag: mögliches Problem an Wirbelsäule/Rückenmark oder peripheren Nerven. Du behandelst nicht die Ursache – du erkennst die Gefahr und handelst konsequent (Immobilisations-/Schonungsprinzip, Notruf, Monitoring, Wärmeerhalt).
Häufige Ursachen neurologischer Störungen im Betrieb (BSAN-relevant)
DGUV-Beispiele nennen Bewusstseinsstörungen u. a. durch Beeinträchtigung der Gehirnfunktion (z. B. nach schwerer Kopfverletzung) sowie durch äußere Einflüsse wie Hitze. (DGUV 204-007)
Für den Betriebsalltag sind besonders häufig:
Schädel-Hirn-Trauma (Sturz, Anprall, Verkehr/Stapler).
Kreislaufprobleme (Synkope, Schock, Blutverlust) → Minderdurchblutung des Gehirns.
Unterzuckerung (v. a. bei Diabetiker*innen) → Verwirrtheit, Aggressivität, Bewusstseinsstörung.
Intoxikationen (Alkohol, Drogen, Medikamente, Gefahrstoffe) → Bewusstseins- und Atemstörungen.
Krampfanfall (epileptisch oder symptomatisch, z. B. nach Kopfverletzung).
Schlaganfall (seltener, aber hochkritisch) → Lähmung, Sprachstörung, hängender Mundwinkel.
Prüfungsmerker: Neurologische Symptome sind oft sekundär (Kreislauf, Atmung, Stoffwechsel) – deshalb immer zuerst Vitalfunktionen prüfen.
Neurologische Basis-Checks, die du als BSAN beherrschen musst
Du brauchst im Betrieb keine neurologische Untersuchung wie in der Klinik. Du brauchst einfache, sichere Checks, die sofort Entscheidungen auslösen:
Ansprechen + Reaktion: Reagiert die Person? Kann sie sprechen? Wirkt sie verwirrt?
Atmung prüfen bei Bewusstlosigkeit: normal oder nicht? (DGUV-Standard: Bewusstlosigkeit → Atmung prüfen → je nach Ergebnis Seitenlage oder Reanimation.)
FAST-Schema bei Verdacht Schlaganfall: Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache), Time (Zeit). Wenn auffällig: Notruf.
Motorik/Symmetrie: Kann die Person beide Hände gleich drücken? Beide Beine bewegen?
Pupillen/Sehen nur als grobe Beobachtung: auffällige Pupillendifferenz nach Trauma = Alarmzeichen (keine „Diagnose“, aber ein Grund für schnelle Rettungskette).
Konsequenz aus dem ZNS-Wissen: Prioritäten im Einsatz
Das ZNS ist extrem empfindlich gegenüber Sauerstoffmangel. DGUV-Unterlagen betonen bei Kreislaufstillstand: Schon nach wenigen Minuten beginnen Gehirnzellen abzusterben – deshalb sind frühe Reanimation und AED-Einsatz so entscheidend. (DGUV 204-022)
Daraus leitet sich dein Vorgehen ab:
Gefahr erkennen, Eigenschutz.
Bewusstsein prüfen.
Atmung prüfen.
Lebensbedrohliches behandeln (Atemstillstand/Kreislaufstillstand → CPR/AED; normal atmend bewusstlos → Seitenlage).
Ursachenorientiert unterstützen (z. B. Unterzuckerung vermuten, patienteneigene Notfallmedikation unterstützen, Wärmeerhalt, Schockmanagement) – und frühzeitig Rettungsdienst.
Kommunikation und Dokumentation: „neurologisch auffällig“ muss nachvollziehbar sein
Gerade bei Bewusstseinsstörungen ist Verlauf entscheidend. Notiere im Verbandbuch/Protokoll:
Zeitpunkt des Auffindens,
Bewusstseinslage (ansprechbar/verwirrt/bewusstlos),
Atmung (normal/nicht normal),
auffällige Symptome (z. B. Sprachstörung, Lähmung, Krampf),
Maßnahmen und Zeitpunkt (Notruf, Seitenlage, CPR/AED),
Übergabe an Rettungsdienst.
Das ist nicht nur Nachweis, sondern hilft dem Rettungsdienst enorm, weil neurologische Symptome oft dynamisch sind.
3 Learnings des Tages
Das zentrale Nervensystem (Gehirn + Rückenmark) steuert Bewusstsein, Wahrnehmung und Schutzreaktionen – neurologische Auffälligkeiten sind immer ernst zu nehmen.
BSAN-Basischecks reichen: Ansprechbarkeit, Atmung, FAST, grobe Motorik/Symmetrie – daraus folgt deine Alarm- und Maßnahmenentscheidung.
ZNS ist zeitkritisch: Bei Atem-/Kreislaufstillstand zählt jede Minute (CPR/AED), bei Schlaganfallverdacht zählt Zeit bis zur Versorgung.
Zusammenfassung Wissen merken für Prüfung
Wenn Bewusstsein oder neurologische Funktionen auffällig sind, gilt: Vitalfunktionen zuerst, dann Red-Flags erkennen, früh alarmieren und sauber dokumentieren.
Abschluss & Zusammenfassung
Nervensystem-Grundlagen machen dich im Betrieb schneller und sicherer: Du erkennst Bewusstseinsstörungen, ordnest Symptome richtig ein und setzt Prioritäten konsequent. Als Betriebssanitäter*in ist dein Ziel nicht die neurologische Diagnose, sondern die sichere Entscheidung: stabil lagern, lebensrettend handeln oder sofort den Rettungsdienst nachfordern – mit klarer Übergabe und Dokumentation.
Quellen & Grundlagen
DGUV Information 204-007 „Handbuch zur Ersten Hilfe“, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), 2023.
DGUV Information 204-022 „Erste Hilfe im Betrieb“, DGUV, 2017.
DGUV Grundsatz 304-002 „Aus- und Fortbildung für den betrieblichen Sanitätsdienst“, DGUV, 2022.





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