Reiseimpfungen in Hurghada: Was ist zu viel – was ist genug? Der Start in die Fortbildungsreise Notfallmedizin
- Alexander Lörbs

- 25. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
📍 Hurghada (Ägypten) 23.01.2026
Der Reisepass liegt griffbereit, die Bordkarte ist längst im Handy – und irgendwo zwischen Gate und Gepäckband taucht plötzlich die Frage auf, die im Klinikalltag erstaunlich oft zu spät gestellt wird: Sind wir eigentlich wirklich gut vorbereitet? Nicht nur organisatorisch – medizinisch.
Heute ist Reisebeginn. Aus Deutschland machen sich unsere Teilnehmenden und Dozenten auf den Weg nach Hurghada (Ägypten). Während draußen die Luft nach Meer riecht und der Winter zu Hause gefühlt noch im Mantel hängt, geht es fachlich direkt in die Zone, in der Reisemedizin praktisch wird: Reiseimpfungen & Prävention.
Denn egal ob ZNA, Rettungsdienst oder Praxis: Die Konsequenzen von „zu wenig“ (fehlender Schutz) sehen wir genauso wie die von „zu viel“ (unnötige Maßnahmen, falsche Sicherheit, Nebenwirkungen, Chaos im Impfpass). Und genau da setzt unser erster Fortbildungstag an – strukturiert, praxisnah und mit dem Blick auf echte Entscheidungsprozesse unterwegs.

Reiseimpfungen: sauber entscheiden statt „alles rein“ oder „wird schon gut gehen“
Dozenten heute:
Kim Reiner Godhusen (Innere Medizin, ZNA Asklepios Klinikum Harburg; wissenschaftliche Leitung und ärztliche Leitung der Rettungsanker Rettungsdienstschule ®)
Jan Belz (Notfallsanitäter, Ausbildungsleitung Rettungsdienst der Rettungsanker Rettungsdienstschule ®)
Worum geht’s heute?
Reiseimpfungen sind kein „Häkchen im Reiseforum“, sondern Risikomanagement: Was ist zwingend, was ist sinnvoll – und was bringt kaum Nutzen, erzeugt aber Aufwand oder falsche Sicherheit? Im Zentrum stehen heute drei Dinge:
Risikoprofil statt Länderliste: Route, Jahreszeit, Aktivitäten, Unterkünfte, Vorerkrankungen, Immunsuppression, Schwangerschaft – das entscheidet, nicht nur der Zielort.
Impfstatus als Basisarbeit: Standardimpfungen sind der häufigste blinde Fleck. Wer hier Lücken hat, bringt ein vermeidbares Risiko mit – auch jenseits tropischer Themen.
Prävention ist mehr als Impfen: Mückenschutz, Lebensmittelhygiene, Expositionsprophylaxe, Reiseapotheke, Notfallplan – und die realistische Einschätzung, was unterwegs tatsächlich machbar ist.
3 klinische Kernpunkte
1) „Zu viel“ ist oft: Impfungen ohne klare Indikation – oder ohne Timing
Im Klinikalltag sehen wir immer wieder: Impfungen werden kurz vor Abreise „noch schnell“ organisiert. Das Problem ist nicht der gute Wille – sondern die Biologie. Viele Impfungen brauchen Zeit für eine robuste Immunantwort oder sind als Serie geplant. Wer das ignoriert, produziert bestenfalls „Papier-Schutz“ im Impfpass. Konsequenz:
Timing prüfen: (Beginn/Booster/Serien) und transparent kommunizieren, was realistisch noch Wirkung entfaltet.
Priorisieren: Was bringt kurzfristig den größten Benefit?
2) „Zu wenig“ ist oft: unterschätzte Basics + fehlende Expositionsprophylaxe
Die großen Namen (Hepatitis, Typhus, Tollwut) sind präsent – aber die Basics rutschen weg: Standardimpfungen, Wund- und Infektionsrisiken, Mückenstiche, Dehydratation, Gastroenteritis. Prävention bedeutet heute:
Standardimpfstatus konsequent checken
Mückenschutz als Therapieprävention verstehen (vor allem bei Fieber unklarer Genese unterwegs)
Hygiene-Strategien alltagstauglich planen („Was mache ich wirklich – und was bleibt Theorie?“)
3) Risikokommunikation: „Sicher“ gibt es nicht – aber gute Entscheidungen
Ein zentraler Punkt aus der Runde heute: Prävention ist immer eine Abwägung. Nebenwirkungen, Kontraindikationen, Ressourcen und individuelle Risiken gehören in dieselbe Tabelle wie „Erreger und Land“. Wer präklinisch/klinisch arbeitet, kennt das Prinzip: Wir treffen die beste Entscheidung mit den verfügbaren Informationen – und dokumentieren sie sauber.
Typische Fehler / Stolperfallen
„Reiseländer = Impfplan“:
Statt Risikoanalyse wird die Checkliste abgearbeitet – ohne Reisedauer, Aktivitäten oder Vorerkrankungen.
Falsche Sicherheit durch „fast noch schnell“:
Impfung kurz vor Abflug – und dann wird der Schutz überschätzt.
Prävention nur als Impfung gedacht:
Mückenschutz, Hygiene, Trinkwasser, Wundmanagement und Notfallstrategie fehlen.
Keine klare Notfall-Route:
Was tun bei Fieber, Durchfall, Tierkontakt, Wunde? Wer entscheidet, wo ist die nächste verlässliche Struktur?
Praxis-Checkliste
Reiseprävention in 90 Sekunden – für Beratung, Aufnahme oder Teambriefing:
Route + Setting: Stadt/Land, Aktivitäten, Dauer, Unterkünfte, medizinische Erreichbarkeit
Patientenfaktoren: Alter, Schwangerschaft, Immunsuppression, chronische Erkrankungen, Medikation
Impfstatus: Standardimpfungen vollständig? Booster fällig?
Indikationsimpfungen priorisieren: Nutzen vs. Timing vs. Risiken
Expositionsprophylaxe: Mückenschutz, Lebensmittel-/Wasserhygiene, Wundschutz
Notfallplan: Red Flags + „wohin bei…?“ (Fieber, Exanthem, Durchfall, Wunde/Tierkontakt)
Learnings des Tages
Reiseimpfungen sind keine Länder-Stempel, sondern individuelle Risikoentscheidungen.
Standardimpfungen sind oft der wichtigste „Gamechanger“ – weil hier die häufigsten Lücken liegen.
Gute Prävention heißt: Impfen plus Expositionsprophylaxe plus realistischer Notfallplan.
Take-home-Message
Wenn du bei Reiseimpfungen nur „mehr“ oder „weniger“ denkst, verlierst du den Kern: Entscheidend ist das Risikoprofil – und eine Prävention, die unterwegs wirklich umsetzbar ist.
AUSBLICK AUF MORGEN
Morgen bleiben wir in Hurghada – und drehen die Temperatur fachlich noch einmal hoch: Sommer, Sonne, Sonnenbrand: hitzeassoziierte Notfälle sicher erkennen und behandeln. Es geht um die sichere Differenzierung von harmlos bis hochkritisch – und um klare erste Schritte, präklinisch wie in der ZNA.
ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG
Tag 1 fühlt sich nach Aufbruch an – aber auch nach Struktur: Wir starten nicht mit Fernweh, sondern mit einem Thema, das im Ernstfall sofort klinische Relevanz hat. Wer Reiseimpfungen und Prävention sauber plant, verhindert nicht nur Infektionen, sondern auch Fehlentscheidungen unter Zeitdruck.
Morgen nehmen wir die Hitze in den Fokus – und machen aus „Sonnenbrand“ wieder das, was es im Notfallkontext sein kann: ein Spektrum, das man sicher einordnen muss. Bis dahin: gutes Ankommen, klare Prioritäten – und ein Impfpass, der nicht nach Gefühl, sondern nach Risiko spricht.





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