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Schlangenbiss unter Zeitdruck: Kapstadt/Mossel Bay und die Minute, in der Entscheidungen zählen

📍 27.01.2026 Kapstadt / Mossel Bay (Südafrika)


Der Morgen beginnt wie eine Szene, die man später nur noch in Einzelbildern erinnert: das gedämpfte Brummen im Flugzeug, trockene Luft, müde Stimmen – und dann plötzlich dieses klare Licht, das durch die Wolkendecke bricht. Gestern noch Johannesburg, heute weiter nach Kapstadt / Mossel Bay. Die Landschaft kippt von urbanem Puls in Weite, Küste, Wind.


Und während viele beim Landeanflug automatisch an Urlaub denken, schaltet bei uns etwas anderes an: klinischer Fokus. Denn hier, wo Natur nah ist und Distanzen anders wirken, verändert sich die Zeit. Ein Ereignis kann klein beginnen – und binnen Minuten zur kritischen Lage werden.


Genau deshalb ist Tag 5 so intensiv: Schlangenbiss. Nicht als exotische Anekdote, sondern als knallharte Notfalllogik: Triage, Monitoring, Antiserum-Entscheidung – und die Frage, wie man unter Unsicherheit sauber bleibt, statt hektisch zu werden.


Dozentin heute ist Dr. med. Elisabeth M. Baumgart (Orthopädie und Unfallchirurgie, Asklepios Klinikum Harburg).


Nahaufnahme einer orange-braun gemusterten Schlange, die zusammengerollt auf hellem Felsuntergrund liegt – Symbolbild zum Thema Schlangenbiss und Antiserum-Entscheidung.

Schlangenbiss: Was in der ersten Stunde wirklich zählt

Worum geht’s heute?


Beim Schlangenbiss gewinnt nicht der, der am schnellsten “irgendwas” tut – sondern der, der strukturiert bleibt. Wir haben heute das akute Vorgehen sortiert: von der Erstbeurteilung über Schmerz- und Wundmanagement bis zur Antiserum-Indikation. Der Kern: klinische Zeichen ernst nehmen, Dynamik erkennen, Verlauf dokumentieren – und Entscheidungen begründen können.



3 klinische Kernpunkte

  1. Toxidrom schlägt “Wundbild”

Die Einstichstelle kann unscheinbar sein – entscheidend sind systemische Zeichen und der Verlauf:


  • neurologisch: Ptosis, Dysarthrie, Schwäche, Ateminsuffizienz-Zeichen

  • hämatologisch: Blutungsneigung, Hämatome, “oozing” aus Punktionsstellen

  • kardiovaskulär: Hypotonie, Schockzeichen

  • lokal: rasch progrediente Schwellung, starke Schmerzen, Blasenbildung Merke: Der Verlauf (z. B. in 15–30-Minuten-Intervallen) ist oft aussagekräftiger als das “erste Foto”.


  1. Antiserum ist keine Mutprobe – sondern eine Indikationsentscheidung

    Antiserum ist wirksam, aber nicht “für alle”. Die saubere Linie:


  • Indiziert bei klarer systemischer Envenomation und/oder rasch fortschreitender lokaler Symptomatik (je nach Setting/Leitlinie/Verfügbarkeit).

  • Nicht automatisch bei jedem Biss: “dry bite” ist möglich, und Übertherapie bringt Risiken (u. a. anaphylaktische Reaktionen/Serumkrankheit – abhängig vom Präparat).

    Wichtig ist die Dokumentation der Entscheidungsgrundlage: Symptome, Progression, Vitalparameter, Labor/POCT soweit verfügbar, Rücksprache mit Giftinfo/Experten.


  1. Atemweg und Gerinnung: zwei Systeme, die man aktiv “im Blick behalten” muss


  • Bei neurotoxischen Verläufen: früh an Ateminsuffizienz denken, Monitoring engmaschig, Eskalationsschwelle niedrig.

  • Bei hämotoxischen Verläufen: Blutungszeichen, Kreislauf, ggf. Gerinnungsdiagnostik/Verlaufskontrolle (je nach Ressourcen).

    Und ganz praktisch: venöse Zugänge, Blutentnahmen, invasive Maßnahmen nur so viel wie nötig – jeder Stich kann bei Koagulopathie zum Problem werden.



Typische Fehler / Stolperfallen

  • Tourniquet, Einschneiden, Aussaugen: kostet Zeit, schadet Gewebe, erzeugt Scheinsicherheit.

  • Fixierung auf die “Art” der Schlange statt auf klinische Zeichen: Identifikation ist hilfreich, aber Therapie ist symptom- und verlaufsorientiert.

  • Zu seltenes Re-Assessment: “Der war vor 30 Minuten noch gut” ist kein Status – beim Schlangenbiss zählt Dynamik.

  • Antiserum zu spät, weil man “erst mal abwartet”, obwohl klare Systemzeichen da sind.



Praxis-Checkliste

  • Sicherheit: Patient weg vom Gefahrenbereich, Ruhe reinbringen.

  • ABCDE + Monitoring: SpO₂, RR, HF, Bewusstsein, Schmerz, Atemarbeit.

  • Extremität: ruhigstellen, hochlagern je nach Schwellung/Schmerzkonzept, Markierung der Schwellungsgrenze + Uhrzeit.

  • Zugänge/Labor: nach Setting; Verlauf wichtiger als Einzelwert.

  • Schmerz/Übelkeit behandeln, Flüssigkeit nach Kreislauf.

  • Antiserum-Entscheidung: Systemzeichen? rasche Progression? Expertenkontakt/Giftinfo.

  • Transport/Übergabe: strukturierter Verlauf (Zeitpunkte, Progression, Maßnahmen, Reaktionen).



3 Learnings des Tages

  • Schlangenbiss heißt Verlauf denken: Markieren, re-assessen, dokumentieren – nicht nur “draufschauen”.

  • Antiserum ist Therapie mit Indikation: nicht reflexhaft, sondern begründet und vorbereitet (Reaktionsmanagement!).

  • Atemweg & Gerinnung sind die Frühwarnsysteme: wer sie aktiv überwacht, gewinnt Zeit.



Take-home-Message

Beim Schlangenbiss entscheidet selten die “perfekte Info” – sondern die saubere Struktur: Verlauf dokumentieren, Systemzeichen erkennen, Antiserum konsequent indizieren, wenn es nötig ist.


Panoramablick über Kapstadt: Wohnviertel und Innenstadt im Vordergrund, dahinter der Hafen mit Kränen im leichten Dunst und die Berge am Horizont.

AUSBLICK AUF MORGEN

Morgen, am 28.01, bleiben wir in Kapstadt – und wechseln vom Toxin zur Logistik: Ambulanzflüge & Rückholmedizin. Es geht um Planung, Rollen und Schnittstellen – damit im Ernstfall nichts improvisiert werden muss.


ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG

Heute war ein Tag für klare Köpfe: Kapstadt/Mossel Bay liefert die Kulisse, aber das eigentliche Training passiert im Denken. Ein Schlangenbiss ist der Moment, in dem sich zeigt, ob Algorithmen wirklich sitzen – oder ob man in Aktionismus rutscht. Unser Ziel bleibt: Entscheidungen treffen, die man später in der ZNA oder präklinisch sauber vertreten kann. Und genau dafür ist diese Reise gemacht – Schritt für Schritt, Tag für Tag.

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