Schlangenbiss unter Zeitdruck: Kapstadt/Mossel Bay und die Minute, in der Entscheidungen zählen
- Alexander Lörbs

- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
📍 27.01.2026 Kapstadt / Mossel Bay (Südafrika)
Der Morgen beginnt wie eine Szene, die man später nur noch in Einzelbildern erinnert: das gedämpfte Brummen im Flugzeug, trockene Luft, müde Stimmen – und dann plötzlich dieses klare Licht, das durch die Wolkendecke bricht. Gestern noch Johannesburg, heute weiter nach Kapstadt / Mossel Bay. Die Landschaft kippt von urbanem Puls in Weite, Küste, Wind.
Und während viele beim Landeanflug automatisch an Urlaub denken, schaltet bei uns etwas anderes an: klinischer Fokus. Denn hier, wo Natur nah ist und Distanzen anders wirken, verändert sich die Zeit. Ein Ereignis kann klein beginnen – und binnen Minuten zur kritischen Lage werden.
Genau deshalb ist Tag 5 so intensiv: Schlangenbiss. Nicht als exotische Anekdote, sondern als knallharte Notfalllogik: Triage, Monitoring, Antiserum-Entscheidung – und die Frage, wie man unter Unsicherheit sauber bleibt, statt hektisch zu werden.
Dozentin heute ist Dr. med. Elisabeth M. Baumgart (Orthopädie und Unfallchirurgie, Asklepios Klinikum Harburg).

Schlangenbiss: Was in der ersten Stunde wirklich zählt
Worum geht’s heute?
Beim Schlangenbiss gewinnt nicht der, der am schnellsten “irgendwas” tut – sondern der, der strukturiert bleibt. Wir haben heute das akute Vorgehen sortiert: von der Erstbeurteilung über Schmerz- und Wundmanagement bis zur Antiserum-Indikation. Der Kern: klinische Zeichen ernst nehmen, Dynamik erkennen, Verlauf dokumentieren – und Entscheidungen begründen können.
3 klinische Kernpunkte
Toxidrom schlägt “Wundbild”
Die Einstichstelle kann unscheinbar sein – entscheidend sind systemische Zeichen und der Verlauf:
neurologisch: Ptosis, Dysarthrie, Schwäche, Ateminsuffizienz-Zeichen
hämatologisch: Blutungsneigung, Hämatome, “oozing” aus Punktionsstellen
kardiovaskulär: Hypotonie, Schockzeichen
lokal: rasch progrediente Schwellung, starke Schmerzen, Blasenbildung Merke: Der Verlauf (z. B. in 15–30-Minuten-Intervallen) ist oft aussagekräftiger als das “erste Foto”.
Antiserum ist keine Mutprobe – sondern eine Indikationsentscheidung
Antiserum ist wirksam, aber nicht “für alle”. Die saubere Linie:
Indiziert bei klarer systemischer Envenomation und/oder rasch fortschreitender lokaler Symptomatik (je nach Setting/Leitlinie/Verfügbarkeit).
Nicht automatisch bei jedem Biss: “dry bite” ist möglich, und Übertherapie bringt Risiken (u. a. anaphylaktische Reaktionen/Serumkrankheit – abhängig vom Präparat).
Wichtig ist die Dokumentation der Entscheidungsgrundlage: Symptome, Progression, Vitalparameter, Labor/POCT soweit verfügbar, Rücksprache mit Giftinfo/Experten.
Atemweg und Gerinnung: zwei Systeme, die man aktiv “im Blick behalten” muss
Bei neurotoxischen Verläufen: früh an Ateminsuffizienz denken, Monitoring engmaschig, Eskalationsschwelle niedrig.
Bei hämotoxischen Verläufen: Blutungszeichen, Kreislauf, ggf. Gerinnungsdiagnostik/Verlaufskontrolle (je nach Ressourcen).
Und ganz praktisch: venöse Zugänge, Blutentnahmen, invasive Maßnahmen nur so viel wie nötig – jeder Stich kann bei Koagulopathie zum Problem werden.
Typische Fehler / Stolperfallen
Tourniquet, Einschneiden, Aussaugen: kostet Zeit, schadet Gewebe, erzeugt Scheinsicherheit.
Fixierung auf die “Art” der Schlange statt auf klinische Zeichen: Identifikation ist hilfreich, aber Therapie ist symptom- und verlaufsorientiert.
Zu seltenes Re-Assessment: “Der war vor 30 Minuten noch gut” ist kein Status – beim Schlangenbiss zählt Dynamik.
Antiserum zu spät, weil man “erst mal abwartet”, obwohl klare Systemzeichen da sind.
Praxis-Checkliste
Sicherheit: Patient weg vom Gefahrenbereich, Ruhe reinbringen.
ABCDE + Monitoring: SpO₂, RR, HF, Bewusstsein, Schmerz, Atemarbeit.
Extremität: ruhigstellen, hochlagern je nach Schwellung/Schmerzkonzept, Markierung der Schwellungsgrenze + Uhrzeit.
Zugänge/Labor: nach Setting; Verlauf wichtiger als Einzelwert.
Schmerz/Übelkeit behandeln, Flüssigkeit nach Kreislauf.
Antiserum-Entscheidung: Systemzeichen? rasche Progression? Expertenkontakt/Giftinfo.
Transport/Übergabe: strukturierter Verlauf (Zeitpunkte, Progression, Maßnahmen, Reaktionen).
3 Learnings des Tages
Schlangenbiss heißt Verlauf denken: Markieren, re-assessen, dokumentieren – nicht nur “draufschauen”.
Antiserum ist Therapie mit Indikation: nicht reflexhaft, sondern begründet und vorbereitet (Reaktionsmanagement!).
Atemweg & Gerinnung sind die Frühwarnsysteme: wer sie aktiv überwacht, gewinnt Zeit.
Take-home-Message
Beim Schlangenbiss entscheidet selten die “perfekte Info” – sondern die saubere Struktur: Verlauf dokumentieren, Systemzeichen erkennen, Antiserum konsequent indizieren, wenn es nötig ist.

AUSBLICK AUF MORGEN
Morgen, am 28.01, bleiben wir in Kapstadt – und wechseln vom Toxin zur Logistik: Ambulanzflüge & Rückholmedizin. Es geht um Planung, Rollen und Schnittstellen – damit im Ernstfall nichts improvisiert werden muss.
ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG
Heute war ein Tag für klare Köpfe: Kapstadt/Mossel Bay liefert die Kulisse, aber das eigentliche Training passiert im Denken. Ein Schlangenbiss ist der Moment, in dem sich zeigt, ob Algorithmen wirklich sitzen – oder ob man in Aktionismus rutscht. Unser Ziel bleibt: Entscheidungen treffen, die man später in der ZNA oder präklinisch sauber vertreten kann. Und genau dafür ist diese Reise gemacht – Schritt für Schritt, Tag für Tag.





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