Lungenarterienembolie nach dem Langstreckenflug: Warum das „Economy-Class-Syndrom“ klinisch zählt
- Alexander Lörbs

- 27. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
📍 25.01.2026 Johannesburg (Südafrika)
Stell dir vor: Du sitzt mit uns im Flieger. Nicht als Patient, nicht als „Fall“ – sondern als Teil der Gruppe. Hinter uns liegt Hurghada: Hitze, Sonne, Salzluft. Jetzt ist das Kabinenlicht gedimmt. Es riecht nach Kaffee, Klimaanlage, Textil. Dieses gleichmäßige Brummen der Triebwerke macht den Kopf müde – und genau deswegen ist es so leicht, die Zeit zu vergessen.
Aus dem Fenster sieht man erst nichts als Dunkelheit. Dann, weit unten, einzelne Lichtpunkte: kleine Inseln in der Nacht. Je näher wir Johannesburg kommen, desto mehr wird daraus ein Netz – Straßenlinien, Knotenpunkte, ein ruhiger, riesiger Teppich aus Stadtlicht. Und während die meisten einfach nur ankommen wollen, passiert bei uns etwas anderes: Wir beobachten ohne Drama. Wer steht zwischendurch auf? Wer bleibt stundenlang reglos sitzen, weil es eng ist und man niemanden stören will? Wer trinkt kaum? Wer bewegt die Füße, fast unbemerkt, als Routine?
Genau das ist Realität im Rettungsdienst und in der ZNA: Risiken entstehen selten spektakulär. Sie entstehen in scheinbar normalen Situationen – und werden erst später relevant. Heute nutzen wir diesen Perspektivwechsel als Einstieg in ein Thema, das man nicht „fühlen“ muss, um es ernst zu nehmen: Lungenarterienembolie und das, was landläufig als Economy-Class-Syndrom beschrieben wird – inklusive Antikoagulation und Eskalationslogik.
Dozent heute: Kim Reiner Godhusen (Humanmediziner, Fachkunde Notfallmedizin; wissenschaftliche Leitung und ärztliche Leitung der Rettungsanker Rettungsdienstschule ®).

Lungenarterienembolie: Wenn nach der Reise plötzlich „nur Luftnot“ da ist
Worum geht’s heute?
Das „Economy-Class-Syndrom“ ist kein medizinischer Fachbegriff, aber ein hilfreiches Bild: lange Immobilisation, wenig Bewegung, häufig zu wenig Flüssigkeit – und damit erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine venöse Thromboembolie. Klinisch relevant wird das, wenn aus einer Thrombose eine Lungenarterienembolie wird. Und die ist tückisch: Sie kann laut sein (Synkope, Schock), sie kann aber auch leise starten (Dyspnoe, Thoraxschmerz, Tachykardie) – gerade dann, wenn man als Team gedanklich „noch im Reisemodus“ ist.
Für Rettungsdienst und ZNA bedeutet das: nicht „alles abfliegen“, sondern strukturiert denken. Wahrscheinlichkeit einschätzen, Red Flags erkennen, Therapie sauber einleiten – und bei Instabilität ohne Zögern eskalieren.
3 klinische Kernpunkte
1) Das Symptom-Muster ist oft „nicht perfekt“ – genau das macht es gefährlich.
An LAE denken, wenn Beschwerden nicht sauber in eine harmlose Schublade passen:
Plötzliche Dyspnoe (auch ohne Infektzeichen)
Pleuritischer Thoraxschmerz oder Druckgefühl
Tachykardie (häufig)
Synkope/Präsynkope (starkes Alarmzeichen)
ggf. Husten, Hämoptyse, subfebrile Temperatur
Praxis-Merksatz: Reise + unklare Luftnot/Tachykardie = Lungenarterienembolie aktiv in den Kopf holen.
2) Diagnostik = Wahrscheinlichkeitssteuerung, nicht „Test-Marathon“
Das wichtigste Werkzeug ist die klinische Vortestwahrscheinlichkeit. Denn davon hängt ab, welche Tests sinnvoll sind:
Niedrige Wahrscheinlichkeit: D-Dimer kann helfen, die LAE auszuschließen (Ausschluss-Test!).
Mittlere/hohe Wahrscheinlichkeit oder Instabilität: nicht auf „Beruhigung“ testen, sondern konsequent weiter abklären (Bildgebung/Schockraumstrategie nach lokalen Standards).
Was im Alltag wirklich hilft:
EKG: oft nur Sinustachykardie; Rechtsherzzeichen sind möglich, aber nicht zuverlässig.
SpO₂/BGA: kann auffällig sein, kann aber auch erstaunlich normal sein – beides beweist nichts allein.
POCUS/Bedside-Echo: bei instabilen Patienten stark, um Rechtsherzbelastung/Alternativdiagnosen schnell einzuordnen.
3) Therapie: Antikoagulation früh – Reperfusion bei Instabilität im Blick
Stabile Patient:innen: Monitoring, O₂ nach Bedarf, Analgesie; Antikoagulation zeitnah nach Protokoll/Standard (z. B. Heparin/LMWH initial; weiterführend häufig DOAK – abhängig von Klinik, Kontraindikationen und lokaler SOP).
Instabile Patient:innen (Hypotonie/Schock, Reanimationsnähe): ABC, Kreislauf stabilisieren, Team früh erweitern; Reperfusionsstrategie (systemische Thrombolyse/Intervention/OP je nach Struktur) aktiv mitdenken.
Hier liegt der Lernkern: Die meisten LAE sind behandelbar – die kritischen Verläufe erkennt man daran, dass der Kreislauf kippt. Und dann zählt Zeit.
Typische Fehler / Stolperfallen
„Sättigung ist doch okay“: Eine normale SpO₂ schließt die Lungenarterienembolie nicht aus.
„Das ist bestimmt Jetlag/Angst“: Psychogen erst dann, wenn die gefährlichen Differenzialdiagnosen sinnvoll geprüft sind.
D-Dimer falsch genutzt: Bei hoher Vortestwahrscheinlichkeit ist ein D-Dimer kein Sicherheitsgurt.
Instabilität zu spät eskaliert: Synkope/Hypotonie nach Reise ist kein „Beobachten“-Szenario.
Praxis-Checkliste (kurz, handhabbar)
LAE-Check – präklinisch & ZNA-tauglich:
Trigger: Reise/Immobilisation? OP/Trauma? Tumor? Östrogene? Frühere VTE?
Red Flags: Synkope, Hypotonie, zunehmende Atemarbeit, Zyanose, Verwirrtheit
Vitals: RR, HF, AF, SpO₂, EKG (ggf. EtCO₂, wenn vorhanden)
Kurzstatus: Beinstatus (Asymmetrie/Schmerz/Schwellung), Thorax, ggf. POCUS nach Kompetenz/Setting
Entscheidung: Wahrscheinlichkeit niedrig → D-Dimer als Ausschluss möglich; hoch/instabil → rasch definitive Diagnostik/Schockraum-Strategie
Therapie: O₂/Analgesie/Antikoagulation nach SOP; bei Instabilität früh Reperfusionsoptionen/Intensivkontakt
Learnings des Tages
Lungenarterienembolie beginnt oft unspektakulär: Reise + unklare Dyspnoe/Tachykardie ist ein echter Diagnose-Trigger.
D-Dimer richtig einsetzen: sinnvoll zum Ausschluss bei niedriger Wahrscheinlichkeit – gefährlich als „Beruhigung“ bei hoher Klinik.
Instabilität entscheidet: Hypotonie oder Synkope → sofort eskalieren und Reperfusionsstrategie mitdenken.
Take-home-Message
Die Lungenarterienembolie ist kein „seltenes Flugproblem“, sondern ein reales klinisches Szenario: Wer Wahrscheinlichkeit steuert und früh antikoaguliert – und Instabilität konsequent eskaliert – gewinnt die entscheidenden Minuten.

AUSBLICK AUF MORGEN
Am 26.01. bleiben wir in Johannesburg – und wechseln in ein Thema, das medizinisch und gesellschaftlich ein echter Schwerpunkt ist: „Hotspot Afrika“: HIV – Diagnostik, Marker und neue Impfaussichten. Welche Tests sind in der Akutsituation wirklich hilfreich, welche Marker verändern Entscheidungen – und was ist 2026 realistisch in Prävention und Impfentwicklung?
ABSCHLUSS & ZUSAMMENFASSUNG
Der Sprung von Hurghada nach Johannesburg fühlt sich wie ein Kapitelwechsel an: Klima, Rhythmus, Umgebung. Medizinisch bleibt die Botschaft gleich: Gute Notfallmedizin entsteht dort, wo wir Alltagsrealität in klare Entscheidungen übersetzen. Genau das trainieren wir heute mit der Lungenarterienembolie – strukturiert, ruhig, handlungsfähig.
Und weil diese Fortbildungsreise durch die Ärztekammer Bremen anerkannt ist, zählt am Ende nicht nur das Ziel auf der Landekarte, sondern das, was wir in den Köpfen sauber verankern: bessere Mustererkennung, bessere Algorithmen, bessere Outcomes.





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